Mein Name ist Vera Köhler - meine Glaubensgeschichte

Liebe Gemeinde,

Anfang des Jahres habe ich mit Pfarrer Evers über meinen Weg mit Jesus gesprochen. Am Ende vom Gespräch stand die Bitte, Euch an dieser Geschichte teilhaben zu lassen, soweit es mir möglich ist. Ich bitte die formlose Anrede in diesem Schreiben zu entschuldigen. Ich weiß, dass mich die meisten nicht kennen, und außerhalb dieses Schreibens bleibe ich gerne beim Sie. Da es aber ein sehr persönliches Schreiben wird, empfinde ich das Du an dieser Stelle passender. Der Grund, den Pfarrer Evers für die Bitte nannte, war, dass es mal eine positive Geschichte ist und Mut machen kann. Ein Grund für mich, Euch meine Geschichte zu erzählen, ist der, dass vielleicht der Eine oder die Andere unter Euch dadurch angeregt wird, selber mal (oder wieder einmal) nach den Spuren Gottes im eigenen Leben zu suchen.

Bevor ich Euch den Anfang meiner Geschichte in einzelnen Etappen erzähle – ich spreche vom Anfang, weil ich das Ende selbst noch nicht kenne – möchte ich mich Euch ganz kurz vorstellen:

Mein Name ist Vera Köhler. Gebürtig komme ich aus Düsseldorf, wo ich bis vor etwa dreieinhalb Jahren, als ich zum Studium nach Neubrandenburg kam, gelebt habe. Zurzeit bin ich 26 Jahre alt und arbeite gerade an meiner Bachelorarbeit. In der Gemeinde war ich jetzt ab und zu bei Gesprächskreisen und habe bei der Firmvorbereitung geholfen.

Teil 1: Zwei der wichtigsten Entscheidungen meines Lebens

ich war etwa 13 Jahre alt, als ich merkte, dass ich etwas sehr wichtiges Verliere – etwas, was bis dahin fester Bestandteil meines Lebens war. So wie ein Körperteil: Immer da, manchmal präsent, manchmal nicht wahrgenommen und doch nie ganz vergessen. Und dieses Etwas war Gott. Und ich spürte ganz tief in meinem Innern, dass ich das auf gar keinen Fall wollte. Es gibt nur sehr wenig Dinge in meinem Leben, über die ich mir so sicher bin, wie über diese Tatsache. Ich wusste aber auch, dass ich es niemals alleine schaffen würde meinen Glauben an Gott zu bewahren. Und das dazu auch kein anderer Mensch in der Lage war. An dieser Stelle in meinem Leben traf ich eine der wichtigsten und folgenreichsten Entscheidungen meines Lebens: Ich bat Gott um Hilfe und setzte zum ersten Mal alles auf die eine Karte, die Gott heißt. Diese besondere Karte, die immer gewinnt und auf die zu Vertrauen doch so oft wahnsinnig schwerfällt.

Aber mal ehrlich, hatte ich eine Wahl? Hätten meine Eltern oder die Kirche meinen persönlichen Draht zu Gott festhalten können? Meine Eltern sicher nicht und die Kirche? Besonders mit der römisch-katholischen (im folgenden rk abgekürzt) Kirche stand ich damals auf Kriegsfuß. Mein Vater ist evangelisch, ich und meine Geschwister sind wie unsere Mutter katholisch. Und ich habe es einfach nicht verstanden (und verstehe es bis heute nicht) wie die rk Kirche dem Mann die Teilnahme am Abendmahl versagen kann, der mich das Vaterunser lehrte. (Aber dieses Fass gehört an anderer Stelle geöffnet). Und trotzdem hätte ich eine Wahl gehabt, wenn die Möglichkeit mich von Gott zu verabschieden eine Option gewesen wäre, die ich bereit war in Erwägung zu ziehen. Würdest Du dich von deinem Bein verabschieden, nur weil irgendwer daran zieht? Käme Dir überhaupt der Gedanke?
Jedenfalls stand ich so sehr auf Kriegsfuß mit der rk Kirche, dass ich den Brief mit der Einladung zur Firmung (er kam wohl etwa ein halbes Jahr später) direkt in den Papierkorb warf. Den Glauben an Jesus, Gott und den Heiligen Geist bezeugen? Sehr gerne. Aber ich hätte gelogen, wenn ich gesagt hätte: Ich glaube an die katholische Kirche. Meine Familie hat darüber nicht gerade Luftsprünge gemacht – eher im Gegenteil. Aber ich hatte das große Glück, dass sie meine Entscheidung akzeptierten.

Und ich möchte an dieser Stelle an alle Eltern, Großeltern und anderen Verwandten appellieren: Legt nicht Eure Erwartungen auf die Jugendlichen, lasst sie die Entscheidung zur Firmung zu gehen frei treffen und wenn sie in Freiheit Nein sagen sollten, ist das alle Mal besser als in Unfreiheit Ja zu sagen. Gott will freie Menschen. Wenn er uns zwingen wollte, hätten wir gar nicht die Möglichkeit, Nein zu sagen. Und manche von denen die in Freiheit Nein sagen, können später, wenn sie bereit sind, mit umso größerer Freude in derselben Freiheit Ja sagen.

Ich bin eine dieser Personen. Ich bin heute noch unglaublich dankbar, dass ich mich damals gegen die Firmung entschieden habe. Dass ich damals nicht vor Gott gelogen habe und das Sakrament der Firmung vor zwei Jahren versöhnt mit der Kirche in aller Freiheit in unserer Gemeinde hier in Neubrandenburg empfangen konnte. Als Vollendung der Taufe und als öffentliches Bekenntnis meines Glaubens! Was für ein Geschenk! Nur Möglich, weil Gott meine Bitte erhörte und meinen Glauben an ihn erhielt, und weil ich die Freiheit hatte „Nein“ zu sagen, als ich zum „Ja“ nicht bereit war. Und wohl gemerkt: Gott hat mein Gebet erhört, obwohl ich „Nein“ zur Kirche sagte!

Als ich vor einem Jahr Pilgern war, war eine der häufigsten Fragen: „Warum glaubst du eigentlich?“ Wäre mir diese Frage als Jugendliche und auch noch zum Zeitpunkt meiner Firmung gestellt worden, hätte meine Antwort auf diese Frage gelautet: „Ich glaube, weil ich glauben will!“

Teil 2: Auf ins Unbekannte

Machen wir heute zu Beginn eine kleines Gedankenexperiment: Stell dir vor Du spürst ganz tief in deinem Innern einen Wunsch. Den Wunsch zum Beispiel den Rest deines Lebens auf dem Mond zu verbringen. Versuche dir jetzt Vorzustellen, was das alles für Konsequenzen mit sich bringen wird.
Wie viele aller Konsequenzen glaubst Du fallen dir ein?

Und jetzt versuche dir Vorzustellen wie das geht: Leben auf dem Mond für den Rest deines Lebens. Sagen wir mal für mindestens 30 Jahre.

Glaubst Du deine Vorstellung kommt an die Realität heran?

Ich habe das letzte Mal einen Punkt in meiner Geschichte übersprungen. Kurz bevor ich nach Neubrandenburg kam, verspürte ich ganz tief in meinem Innern einen Wunsch. Ich wusste: Ich wollte das tun, unbedingt. Aber ich hatte absolut keine Ahnung, worauf ich mich einlassen würde und auch nicht wie es funktionieren könnte. Und das sage ich jetzt nicht aus meiner heutigen Erfahrung heraus: Ich konnte mir damals absolut nicht vorstellen, was mein Wunsch bedeutete. Ähnlich wie es Dir vielleicht bei dem oben genannten Experiment erging. Ich wusste nur eines: Es ist das, was ich wirklich will. Ganz tief in meinem Innern. Also habe ich das getan, was – wenn es um andere Dinge geht – wahrscheinlich das dümmste wäre, was man tun könnte:

    ich habe nicht nachgedacht
    ich habe keine Informationen eingeholt
    ich habe sofort Nägel mit Köpfen gemacht

Aber ich habe dabei noch etwas getan: Ich habe auf mein Herz gehört. Und das ist der entscheidende Punkt. Der einzige auf den es nach meiner bisherigen Erfahrung ankommt. Denn es ging um nichts Geringeres als um die Nachfolge Christi. Um damit anzufangen braucht es nicht mehr. Denn der erste Punkt bringt in dem Moment nicht viel. Freundschaftliche Beziehungen gründen in erster Linie auf Emotionen: auf Liebe, auf Vertrauen, auf Erfahrungen, nicht auf Rationalen Entscheidungen. Und der zweite Punkt? Ich glaube keiner weiß wohin die Reise geht, wenn er Jesus nachfolgt – es sei denn, Gott selber hat es ihm gesagt. Denn Jesus führt uns alle unseren ganz persönlichen Weg. Bleibt noch der dritte Punkt. Aber wenn das Herz bereit ist, einen Nachdenken nicht weiterbringt und es keine Informationen gibt, die man einholen kann, bringt es nichts, die Entscheidung aufzuschieben.

Und jetzt stand ich da: Mit dem Versprechen an Jesus, ihm zu folgen. Aber wie geht das? Ich meine Petrus, Andreas, Johannes, Jakobus und all die anderen Jünger in den Evangelien, die haben Jesus gesehen. Die konnten ihm hinterherlaufen. Wochenlang habe ich Gott gefragt, wie Nachfolge geht, wohin ich gehen soll. Und dann als die Antwort kam? Wie würdest Du reagieren, wenn Gott Dir nach Wochen der Frage, was Du tun sollst, endlich die Antwort gibt?

Meine erste Reaktion war Wut. Ich habe noch nie in meinem Leben jemanden so angeschrien wie damals Gott. Ich meine: ich wollte Wegweisung und alles, was Gott mir an die Hand gibt, sind die vier Worte: „Steh auf und Geh!“ Ich bin nicht Stolz auf das, was ich getan habe, eher im Gegenteil. Aber ich bin unglaublich dankbar für diese Erfahrung. Denn Gott hat das getan, was die wenigsten Menschen können, falls es überhaupt jemand kann: Er hat zugehört. Die ganze Zeit über. Ohne sich auch nur einen Millimeter von mir zu entfernen. Er war einfach da.

Und wenn ich heute wütend bin auf Gott? Dann schrei ich meine Wut wieder gen Himmel, bis sie verraucht ist. Denn ich weiß: Er hält das aus und unsere Beziehung auch. Und danach kann ich ihm auch wieder zuhören.

Was tust Du, wenn Du wütend bist auf Jesus, auf Gott?

Teil 3: Wenn Gott Träume verwandelt

In meinem Leben hatte ich schon viele Träume, was ich mal machen will, was ich mal erleben möchte. Einige haben sich erfüllt, die meisten waren nur von kurzer Dauer. Aber ein Traum, einer, ein ganz besonderer (zumindest für mich ; ) ) hat sich als Kind in meinem Herzen festgesetzt und mich bis in mein Erwachsenenleben hinein begleitet. Hast Du auch so einen Traum? Einen Traum aus deiner Kindheit? Der sich vielleicht schon erfüllt hat oder auch noch auf seine Erfüllung wartet?

Ich habe als Kind viele Abenteuergeschichten gelesen, in denen die Helden unterwegs waren: Winnetou zum Beispiel, aber auch die Geschichte von Marias kleinem Esel. Später dann auch Eragon oder den Hobbit. Den kleinen Prinzen. Immer waren die Helden unterwegs. Wochen lang, monatelang – immer einem Ziel entgegen. Und ich wollte wissen: Wie ist das? Wie fühlt es sich an mindestens 10 Wochen am Stück zu laufen?

Jetzt fragst Du bestimmt: Warum ausgerechnet 10 Wochen? Nunja die Antwort lautet ungefähr so: 8 Wochen, also etwa die Dauer der Sommerferien sind einigermaßen überschaubar. Das war einfach zu kurz. Und 20 Wochen fand ich irgendwie etwas übertrieben.

Nachdem ich Jesus meine Nachfolge versprochen hatte und in Neubrandenburg studierte, bot sich endlich die Gelegenheit den Traum in die Tat umzusetzen. Es war möglich, das Studium so zu organisieren, dass ein ganzes freies Semester entstand. Und ich wusste, wenn ich den Traum jetzt nicht verwirkliche, dann mache ich es nie. Also fing ich an zu planen und zu organisieren und ich glaube an der Stelle fing Gott an sich einzumischen.

Es begann damit, dass ich auf der Suche nach einem Weg der lang genug ist und nach Möglichkeit kostengünstig auf den Jakobsweg gestoßen bin. Und auf einmal spielten die 10 Wochen keine große Rolle mehr. Jetzt ging es darum ankommen zu können. Aber ich habe noch versucht dafür zu sorgen, dass der Weg etwa 10 Wochen lang war. Gleichzeitig spürte ich immer deutlicher, dass ich Jesus mehr Raum in meinem Leben geben wollte, als bisher. Viel mehr.

Und dann, etwa ein halbes Jahr bevor ich zusammen mit einem Freund und Mitstudent losgezogen bin, hat sich Gott wieder eingemischt und ich wusste: Diese „Auszeit“ von 10 Wochen: Es ist eine Zeit, die ich intensivst mit Gott verbringen kann, ohne dass allzu große Ablenkungen kommen. Eine Zeit, in der ich mich intensivst mit der Frage des Lebens beschäftigen kann: Was will ich eigentlich – ganz tief in meinem Innern. Jetzt war aus dem Wandern endgültig ein Pilgern geworden.

Und das Pilgern selbst? Ich erzähle sehr gerne darüber. Aber das würde hier zu weit führen. Jede einzelne Stunde, jeder Schweißtropfen, jede Blase war es Wert. Denn der Weg ist nicht das Ziel, aber er bestimmt mit, wie wir ans Ziel kommen und was wir mit dem Ziel anfangen können.

So ist durch Gott aus dem Kindheitstraum zu wissen, was es bedeutet 10 Wochen am Stück zu laufen, eine Reise geworden, die größer ist, als ich je zu träumen gewagt hätte oder mir auch nur hätte Vorstellen können. Nach dem Pilgern lautete meine Antwort auf die Frage: „Warum glaubst du?“ „Ich glaube aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen mit Gott. Er war immer da, gab mir alles was ich wirklich brauchte und schenkte mir manchmal mehr als ich tragen konnte. Und er gab mir ein Versprechen, wie jedem von uns: „Ich bin bei dir – Immer!“

Und doch hat es auch nach diesen Erfahrungen noch ein halbes Jahr gedauert, bis ich anfing zu begreifen, dass die vier Worte: „Steh auf und geh!“ für mich einfach die beste Beschreibung der Nachfolge Christi sind. Gepaart mit den Worten die im Hintergrund dieser vier Worte mitschwingen: „Du darfst mir vertrauen.“

Teil 4: Erneuter Aufbruch ins unbekannte / Das Alte Testament

Was hältst Du vom Alten Testament? Ich muss gestehen, dass ich gerade mit dem Alten Testament große Schwierigkeiten habe. So oft wie dort vom Rachsüchtigen Gott gesprochen wird. Das wiederspricht einfach dem, wie Gott sich mir zeigt und wie Jesus ihn zeichnet. Aber ich stelle auch immer wieder fest, dass es auch im Alten Testament Geschichten gibt, die helfen und Kraft geben.
Eine dieser Geschichten ist die von Abrahams Knecht, der eine Braut für Abrahams Sohn Isaak suchen soll. Und der Knecht sitzt am Brunnen und spricht zu Gott: „Pass auf! Wenn ich zu einem Mädchen sage: Gib mir zu trinken. Und dieses Mädchen Antwortet: Trink und auch deinen Kamelen will ich Wasser schöpfen. So soll dies das Zeichen sein, dass dieses Mädchen die rechte Braut für Isaak ist.“

Hast Du Gott schon mal einen Vorschlag gemacht, wie er handeln soll? Wie fühltest Du dich dabei? Wie mag sich Abrahams Knecht gefühlt haben?

Ich jedenfalls fühlte mich äußerst unwohl als ich es auf meiner Pilgertour zum Grab des Apostels Jakobus tat. Denn wer bin ich schon, dass ich Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, einen Vorschlag unterbreiten darf.

Aber ich dachte an die Geschichte von Abrahams Knecht und fühlte: Ich brauche einfach Gottes Antwort. Ich muss wissen, ob er dieselbe Antwort auf die eine große Frage gibt wie ich. Und so machte ich Gott folgenden Vorschlag: „Wenn mir auf diesem Pilgerweg bis Santiago zufällig mindestens drei Ordensschwestern über den Weg laufen – also nicht in einem Kloster oder einem Gottesdienst direkt an einem Kloster oder so – dann soll das das Zeichen sein, dass Du für mich den Weg als Ordensfrau vorgesehen hast. Sind es weniger, ist es ein anderer Weg.“ Und Gott erhörte das Gebet. Die erste Schwester sah ich in der Osternacht, die zweite als ein Freund, der mitgepilgert ist, in einer Stadt beschloss nicht mehr den Wegweisern zu folgen, sondern anhand unserer Karte einen anderen Weg einzuschlagen und die dritte als ich in einer kleinen Kapelle am Stadtrand von Pamplona etwas länger verweilte.

Jetzt stand ich da, ähnlich wie zu dem Zeitpunkt, als ich Jesus meine Nachfolge versprochen hatte. Ich war unglaublich erleichtert, dass ich endlich wusste, was ich will und endlos dankbar, dass Gott dasselbe wollte, aber ich hatte absolut keine Ahnung was das bedeutete. Mein Wissen über das Leben von Ordensschwestern und über Orden im Allgemeinen hätte gefühlt auf einer Briefmarke Platz gehabt.
Also fasste ich den Entschluss, mir erst einmal ein paar Ordensgemeinschaften anzugucken. Einige Gemeinschaften bieten ja die Möglichkeit an für eine kurze Zeit mehr oder weniger eng mitzuleben. Es ist oft nur ein kratzen an der Oberfläche, aber es ist ein Anfang. Und irgendwie muss man ja Anfangen.

Pläne sind gut. Sehr gut. Mir jedenfalls fällt es viel leichter loszugehen, wenn ich ein konkretes Ziel vor Augen, einen Plan habe. Und nur wenn wir Pläne haben, können sie geändert werden. Oder sogar über den Haufen geschmissen werden. Das gefällt mir meist gar nicht, aber ich hab manchmal das Gefühl, Gott macht es Spaß.

Teil 5: Die Rutschpartie / Das Neue Testament

Kannst Du dich noch daran erinnern, wie es ist zu rutschen? Stell dir vor Du sitzt auf einer Rutsche, die einfach kein Ende zu nehmen scheint. Du bist fest verankert mit dem Boden. Egal was Du auch tust, Du kannst nicht fallen. Aber Du rutschst, rutschst durch dein Leben. Manchmal kannst Du ein bisschen bremsen oder ein bisschen gasgeben. Nur auf die Richtung hast Du keinerlei Einfluss.

Hast Du sowas schon mal erlebt? Manche sagen ja, sie schlittern durchs Leben. Aber das ist eine sehr wacklige Angelegenheit. Nicht so wie bei einer Rutsche. Was ich meine, hat auch nichts von einem freien Fall, denn die Rutsche trägt dich. Sie gibt Geborgenheit. Zumindest die, auf der ich da saß.

Dieses Bild der Rutsche war jedenfalls das Bild für mein Leben, was in meinem Kopf aufploppte als ich letzten Sommer kurz nach der Pilgerreise für zwei Wochen bei den Franziskanerinnen von Siessen zu Gast war. Ich spürte, dass Gott mein Leben in die Hand genommen hatte und ich hatte absolut keine Ahnung wo es hingehen würde. Aber gleichzeitig hatte ich so festen Boden unter mir, wie noch nie in meinem Leben. Das, zusammen mit den noch frischen Erfahrungen vom Pilgern, half mir vertrauens- und erwartungsvoll zu rutschen. Irgendwann sah ich das Ende der Rutschpartie auf mich zukommen und spürte den Zeitpunkt einer Entscheidung näher kommen.

Nach vielleicht drei Wochen war es soweit. Die Rutsche hörte auf und ich konnte, durfte, musste und wollte die Zügel wieder in die Hand nehmen. Aber damit war der Zeitpunkt der Entscheidung gekommen.

Du kennst doch sicher Tauziehen, oder? Jetzt stell dir vor, dein Herz bildet die eine Mannschaft und dein Kopf, dein Verstand bildet die andere Mannschaft. Und sowohl Herz als auch Verstand übertönen sich mit ihren Schlachtrufen. Das Herz ruft: „Ja! Hier, in diese Gemeinschaft will ich hin!“ und der Kopf schreit: „Das geht viel zu schnell! Du wolltest dir noch mindestens drei andere Orte ansehen, bevor du dich entscheidest.“

So sah es nach der Rutschpartie in meinem Inneren ungefähr aus. Dann habe ich die Bibel aufgeschlagen, irgendwo in den Evangelien und habe da die Geschichte von der Hochzeit zu Kanaan gelesen . Was mir dieses Mal sofort ins Auge sprang waren folgende drei Tatsachen:

  1. Jesus sagt seiner Mutter, er sei noch nicht soweit.
  2. Maria ignoriert das gepflegt.
  3. Jesus verwandelt Wasser in Wein, obwohl er noch nicht bereit dafür ist.

Was hältst Du davon? Ein ziemlich deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl? Alles was meinem Verstand dazu einfiel war ein „OHA!“ Weiter wollte er nicht denken. Am nächsten Tag habe ich wieder die Bibel aufgeschlagen, wieder in einem Evangelium. Diesmal habe ich das erwischt, in dem Jesus zu seinen Jüngern sagt: „Das Korn ist reif. Der Zeitpunkt der Ernte ist da!“

Zugegebener Maßen: Ich habe mich nicht getraut, die Bibel ein drittes Mal zu öffnen. Ich hatte die Botschaft kapiert und ich hatte das Gefühl, es sei äußerst unklug Gott auf die Probe zu stellen. Und da mein Verstand keinen weiteren Einwand hatte, außer dem, das es zu schnell ging, hat er kapituliert.
Seither geht es gefühlt etwas langsamer, wenn auch nicht weniger intensiv: Nach der Zulassung als Interessentin wurde ich im Februar als Kandidatin in die Gemeinschaft aufgenommen. Das bedeutet, ich fahre einmal im Monat für ein Wochenende ins Mutterhaus zu einem Treffen mit den anderen Kandidatinnen und Interessentinnen. Und wie es weitergeht? Wir werden sehen.

Zum Schluss noch eine Frage, auf die ich Dir heute zum dritten Mal eine Antwort geben werde. Heute lautet meine Antwort: „Ich glaube, weil ich ihn liebe“. Jetzt möchte ich diese Frage  an Dich weitergeben: „Warum glaubst Du?“